Man hat nie genug, er ist so makellos

Die Schweiz hat das Matterhorn, die Toblerone, Swatch und Rolex. Sie hat auch Wilhelm Tell, Henri Dunant, Friedrich Dürrenmatt, Alberto Giacometti, Christoph Blocher und Sepp Blatter – und einige andere Namen, welche unser Land erfreuen oder belasten. Und sie hat eine Figur, die über allen thront: Roger Federer.

Roger Federer in Wimbledon 2013

Mirka und Roger Federer mit ihren Zwillingstöchtern Myla und Charlene im Dezember 2009

Nicht die kleinste Affäre trübt das Bild, ob auf oder neben dem Platz. Roger ­Federer ist makellos und unantastbar. Er stöhnt und schreit nicht beim Schlagen, er hat weder ein Tattoo auf den ­Armen noch gefärbte Strähnen im Haar. Er schlägt auch die Rückhand als einer der wenigen scheinbar mühelos mit einer Hand. Er fliegt auf dem Court mit höchster Eleganz und beispiellose Fitness von einer Ecke in die andere und von der Grundlinie ans Netz. Er gibt fliessend in drei Sprachen Auskunft, und er bemüht sich immer, dass nicht nur sein Tennis, sondern auch seine Interviews Substanz haben. Er tut dies völlig natürlich, und selbst bei den in letzter Zeit öfters vorgekommenen Niederlagen gibt es kaum Anzeichen von Anstrengung oder Frustration.Auch die für Roger Federer hergestellte Bekleidung seines Hauptsponsors Nike ist edler als jene der übrigen Vertragsspieler. Für ihn wurde ein eigenes Logo ­geschaffen – falls andere Spieler auch solche hätten, sind sie niemandem bekannt. Und was die Sponsoren betrifft: Roger Federer ist einer von wenigen Sportlern, die von Rolex mit einem Vertrag geadelt werden. Die Luxusuhrenmarke ist gewissermassen die höhere Weihe der Werbung. Nur wenige handverlesene Kulturgrössen und einige Athleten kommen in diesen Genuss. Rolex-Spon­soring ist Kommunikation auf höchster Ebene mit gegenseitiger Aufwertung.

Alle werden gleich behandelt 

Bei der Wahl seiner Sponsoren sorgt Roger Federer für die bei ihm typische Ausgewogenheit. Von den zehn Ausrüstern und Sponsoren kommen – lässt man die internationalen Marken Rolex und Credit ­Suisse beiseite – drei aus der Schweiz: Lindt, die Versicherung Nationale Suisse sowie der Haushaltgerätehersteller Jura. Die Frage, ob ein Bügeleisenhersteller für eine Grösse wie Federer nicht ein zu biederer Partner ist, stellte sich nur am Anfang der Zusammenarbeit. Wer Federer als Werbepartner will, muss sich anstrengen, das hat Jura getan und die Anstrengung hat sich ­offenbar gelohnt. Die Werbebotschaften mit dem Tennisstar bedeuten, dass das Prestige der Marke steigt. Jura gehört nun zu einem anderen Marktsegment. Auf Roger ­Federers Website ist Jura zwischen der ­Credit Suisse und Mercedes platziert, weil er seine Werbepartner nicht nach deren Gewicht und Bedeutung aufführt, sondern in alphabetischer Reihenfolge. So erübrigen sich unnötige Diskussionen. Auch ­Federers Website ist typisch für das Erscheinungsbild des 33-Jährigen aus dem Kanton Baselland: sauber und strukturiert, klar, dezent nobel und elegant – wie ­Federers Tennisspiel, möchte man sagen. Dass Roger Federer dank der Zuwendungen der Sponsoren in – auch bei anderen Grossverdienern – suspekten Einkommenssphären lebt, nimmt ihm niemand übel. Im Gegensatz zu manchem Manager sind die Bezüge des Tennisstars im Wesentlichen von seinen Leistungen abhängig. Und dass Federer mit seiner Frau Mirka, auch sie mit ­einer Tennis-Vergangenheit, und der sprunghaft wachsenden Familie – nur wenige Schweizer haben gleich zweimal Zwillinge – die Steuern in Freienbach oder, wie seit kurzem, in Wollerau optimiert, sorgt für keinerlei Aufregung. Jedermann weiss von seiner vor allem für afrikanische Kinder tätigen Stiftung, und das Wohlwollen deswegen ist fast grenzenlos. Kein Schweizer hat unser Land je besser repräsentiert als Federer. Das Fernsehen verbreitet die Begriffe Federer und Schweiz in jedes Kaff dieser Erde. Was sind all die Anstrengungen von Präsenz Schweiz, der Kommunikationsagentur der Eidgenossenschaft, im Vergleich zur Präsenz Federers? Was bedeutet ein Fondue auf dem Times Square in New York oder eine VIP-Lounge an der Fussball-WM gegenüber einem Titel in Wimbledon?

Viel Sympathie wegen der Zwillinge

Heute lieben alle Schweizer Roger Federer, aber das war nicht immer so, es hat gedauert mit der Zuneigung. Federer spielte sich zwar in geradezu unheimlichen Erfolgsserien von einem Sieg zum andern – scheinbar federleicht und im grossen Kontrast zum schwer arbeitenden grossen Rivalen Rafael Nadal. So viel Erfolg ist in der Schweiz, wo man lieber vorsorglich jeden wegrasiert, bevor er den Kopf zu hoch halten kann, vorerst einmal eher verdächtig. Dass er viermal Weltsportler des Jahres wurde, war schon in Ordnung, wurde aber ohne Euphorie zur Kenntnis genommen. Die Schweiz braucht keine Helden. Das Land der Skifahrer, Schützen und Schwinger erwärmt sich nicht allzu schnell für den Superstar einer globalen Sportart, deren Härte nicht zu erkennen ist.Roger Federer hat es dennoch geschafft. Seine epischen Duelle mit Rafael Nadal, der Verlust des Spitzenplatzes als Nummer 1 der Weltrangliste, die sich mehrenden Niederlagen, der wundersame Wiederaufstieg zur Nummer 1 – das alles prägte sich mit der Zeit nicht nur in den Köpfen der Sportfans ein. Den entscheidenden Sympathieschub holte sich Federer mit der Geburt der ­Zwillinge Myla und Charlene im Jahre 2009. Nun war er nicht mehr nur eine Sport­­grösse, die Familie Federer wurde ein gesellschaftliches Thema. Dass am 6. Mai dieses Jahres erneut Zwillinge, diesmal die Knaben Leo und Lenny, die Familie vergrösserten, erhöhte die öffentliche Anteilnahme nochmals. 

Niederlagen sind keine Ausnahme

Inzwischen ist Roger Federer an einem schwierigen Punkt seiner langen Laufbahn angelangt. Zum einst dominierenden Duo Federer/Nadal ist mit dem Serben Novak Djokovic ein zumindest ebenbürtiger Dritter gestossen, und eine neue Generation aufstrebender Spieler hat den Respekt vor den grossen Namen abgelegt. So sind frühe Niederlagen von Federer nicht mehr eine Sensation, sondern in jedem Turnier eine Möglichkeit. Die Chance, ein drittes Mal an die Tabellenspitze vorzudringen, an jenen Platz, den Federer 302 Wochen lang, länger als jeder andere, besetzen konnte, ist gering geworden. Die Hoffnung auf einen Sieg an einem Grand-Slam-Turnier ist so gering wie seit vielen Jahren nicht. Aber sie ist immer noch vorhanden. Sie ist so klein oder so gross, wie sie für einen 33-jährigen, vierfachen Vater im Frühherbst seiner Karriere eben sein kann. Federer hat – wie auch Nadal – den Nimbus des Unbezwingbaren verloren, und er ist nicht mehr in der Lage, Turniere nach Belieben zu dominieren. Aber wenn die Umstände wieder einmal zusammenpassen, kann er noch immer ein Grand-Slam-Turnier gewinnen. Dass ihn Gegner und Experten weiterhin zu den Siegesanwärtern zählen, ist mehr als nur eine Respektbezeugung an einen der grössten Sportler unserer Zeit.Wie lange wird er noch spielen? Möglichst lange, bleibt zu hoffen. Federer selbst gab bisher nie ein Zeichen, dass er an Rücktritt denkt. Ganz im Gegenteil, er wirkt motiviert wie eh und je, er scheint seinen Beruf weiterhin sehr zu lieben, er ist fitter als mancher jüngere Konkurrent und kann heute davon profitieren, dass er zu seinem Körper stets grosse Sorge getragen hat. Seine ökonomische Spielweise und seine Technik sorgten dafür, dass er weniger Verschleisserscheinungen hat als andere im gleichen Alter. 

Probleme beim Daviscup

Und: Ganz alles hat Roger Federer trotz der einmaligen Bilanz noch nicht gewonnen. Was noch fehlt, ist der Daviscup. Zu diesem Wettbewerb hat er seit eh und je eine komplizierte Beziehung. Der bei den Zuschauern beliebte Mannschaftswettbewerb passte oft nicht in sein Jahresprogramm, und wenn es zwischen dem Verband Swiss Tennis und seinem besten Spieler bisweilen Missstimmung gab, so war das wegen des Daviscups. Mal wollte er nicht, mal wollte er und spielte nicht gut.Heute sind die beiden Schweizer Roger Federer und der Aufsteiger Stanislas Wawrinka in der Weltrangliste so gut klassiert, dass das Duo als Favorit im Daviscup betrachtet werden kann. 22 Jahre nach der Finalniederlage von Jakob Hlasek und Marc ­Rosset gegen die USA stehen die Chancen auf einen Sieg so gut wie nie. Stanislas Wawrinka hat den Daviscup schon immer geliebt, und es macht ganz den Anschein, dass auch Federer in einer Art Altersmilde seine Zuneigung zu diesem Wettbewerb ­gefunden hat. Noch steht, vom 12. bis 14. September, in Genf der Halbfinal gegen Italien bevor, der Sieger trifft auf Frankreich oder Tschechien. Für Federer wäre der erste Daviscup-Sieg der Schweiz vielleicht der letzte grosse Erfolg einer wunderbaren Karriere.Der letzte grosse Erfolg, aber hoffentlich noch nicht das Ende. Federer dürfte dann zwar zurücktreten, aber er sollte nicht. Die Vorstellung, dass Roger Federer, das ästhetische Tennisgenie, das uns jahrelang aus aller Welt so viele schöne und bange Stunden am Bildschirm geschenkt hat, für den wir gelitten und mit dem wir uns gefreut haben, nicht mehr spielen wird, stimmt traurig. 15 Jahre Roger Federer waren wunderbar. Genug haben wir noch nicht.

Guido Tognoni ist Jurist und freischaffender Journalist. Er lebt in Küssnacht

 

 

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