Liebe in grausamen Zeiten

«Es kann kein Vergessen geben; man kann nicht vergessen, was die Vernunft übersteigt», sagt einer der Überlebenden in Urs Faes‘ Buch «Sommer in Brandenburg». Die ­Geschichte, eigentlich eine literarisch-historische Recherche, beginnt im Jahr 1938. Im Hachschara-Zentrum von Ahrensdorf bei Trebbin, einem von der Reichsvertretung der Juden im Sinne des Zionismus betriebenen Landwerk, begegnen sich Ron und Lissy. Er ist aus Hamburg, sie aus Wien, beide stammen aus gutbürgerlichen Familien. In dem «Auswanderungslehrbetrieb» von Ahrensdorf werden jüdischen Jugendlichen Ackerbau, Bienenzucht, Land- und Handwerksarbeit beigebracht, um sie auf die Emigration ins gelobte Land und eine Zukunft als Siedler in ­Palästina vorzubereiten. 

Zwischen Lissy und Ron keimt die Liebe. Als literarische Imagination lässt Urs Faes diese Liebesgeschichte aufleben. Die verstohlenen Blicke, die heimlichen Berührungen, die Wünsche und die grosse Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft – und einen gemeinsamen Tag und eine Nacht kurz vor der Trennung. 

Faes lässt uns an seiner Spurensuche teilhaben. Im Leben der Jugendlichen im Landwerk, einem trotz strenger Regeln, harter Arbeit, Zweifeln und Ängsten fast idyllischen Ort, wo die grausamen Ereignisse des völkischen Rassenwahns vorerst nur durch Briefe von Eltern und Geschwistern ins Innere dringen. Es sind Berichte von Ausgrenzung, Demütigungen, Vertreibung und Deportationen. 

«Wir ahnten nicht, wie schlimm es werden würde», sagt Efraim Jochmann, genannt Efri. Faes besucht ihn auf seiner Spurensuche in Jerusalem. Efri war der Jüngste im Landwerk Ahrensdorf, ein 13-jähriger Waisenknabe. «Nie in meinem Leben fühlte ich mich so aufgehoben wie auf diesem Landgut», erzählt er als alter Mann. 

Doch es kommt der Moment, wo die Nazis auch die Landwerke nicht mehr dulden. Lissy hat kurz davor die Erlaubnis erhalten, mit einer Gruppe nach Palästina auszuwandern. Ron wird zusammen mit Efri ins Zwangsarbeitslager Neuendorf gebracht und 1943 in ein Konzentrationslager verschleppt. Das ist das Letzte, was man von ihm weiss. Lissys Spur verliert sich irgendwo auf der Reise nach Palästina oder in Palästina selber.

«Ich habe mich ganz und gar mit Dir angesteckt. Das bleibt in mir, solange ich bin», schreibt Ron in einem Brief an Lissy. Es ist sein letzter Brief, es ist eine Liebesgeschichte ohne glückliches Ende. Eine glückliche Fügung ist, dass Urs Faes durch Fotos im Museum des jüdischen Volkes in Tel Aviv auf diese Geschichte gestossen ist und die Recherchen unternommen hat. Er beschreibt als Schriftsteller nicht nur die Liebesgeschichte, wie er sie sich aus den Informationen imaginiert, er unterbricht die Chronologie der Geschehnisse durch vier Sequenzen mit Aufzeichnungen aus seinen Recherchen. Dieses Stilmittel mag zu Beginn irritieren, doch mehr und mehr werden die Begegnungen mit Zeugen zu einem zweiten berührenden Handlungsstrang.

Urs Faes, «Sommer in Brandenburg»; Suhrkamp-Verlag, Berlin; 

262 Seiten; CHF 28.50, Euro 20.–; auch als E-Book erhältlich

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